HPE Morpheus VM Essentials ist kein Produkt, das entstanden ist, weil HPE plötzlich Lust auf Hypervisoren hatte. Es ist ein Produkt, das entstanden ist, weil Broadcom den gesamten VMware-Kundenstamm verprellt hat – und HPE die Gelegenheit beim Schopf gepackt hat. Ich habe mir angeschaut, was wirklich dahintersteckt, was es kann, wo es noch hakt und für wen es tatsächlich Sinn ergibt.
Woher kommt das Produkt überhaupt?
Wer HPE VM Essentials (VME) versteht, muss kurz zurückblenden. HPE hat 2024 das Unternehmen Morpheus Data übernommen – ein Cloud-Management-Unternehmen, das seit Jahren Multi-Cloud-Orchestrierung für Enterprise-Kunden gebaut hat. Morpheus Data war kein Startup, sondern ein etabliertes Produkt mit ernsthaften Integrationen in VMware, AWS, Azure und eine ganze Reihe weiterer Hypervisoren.
Was HPE daraus gemacht hat: Morpheus Data als Managementlayer genommen, einen eigenen KVM-basierten Hypervisor namens HVM daruntergelegt, und das ganze Paket als günstigen VMware-Ersatz vermarktet. Das Ergebnis ist HPE Morpheus VM Essentials – seit März 2025 allgemein verfügbar, aktuell in Version 8.1.1 (April 2026).
Der Ansatz ist dabei klüger als er auf den ersten Blick wirkt: Statt einen neuen Hypervisor zu bauen und damit gegen 15 Jahre VMware-Muscle-Memory anzukämpfen, hat HPE einen Migrationspfad gebaut. Und das ist ein grundlegend anderer Ansatz als bei allen anderen KVM-Plattformen.
Wie HPE VM Essentials technisch aufgebaut ist
Der technische Unterbau von VME besteht aus zwei klar getrennten Schichten:
Schicht 1 – Der Hypervisor: Der HPE HVM-Hypervisor basiert auf KVM, dem Linux-Kernel-Hypervisor, der auch hinter AWS, Google Cloud und Red Hat Enterprise Virtualization steckt. Keine proprietäre Technologie, kein eigens entwickelter Virtualisierungskern – KVM, mit HPE-eigenem Clustering darüber.
Schicht 2 – Das Management: Die Morpheus-Data-Plattform übernimmt alles oberhalb des Hypervisors: VM-Provisioning, HA-Management, Live Migration, Monitoring, RBAC, Automatisierung und – das wichtigste Feature – die gleichzeitige Verwaltung von VMware-Clustern und HVM-Clustern aus einer einzigen Oberfläche.
Installation: Was euch wirklich erwartet
Ich sage es direkt, weil es in keinem Marketingmaterial steht: HPE VM Essentials ist kein Plug-and-Play-Produkt.
Die Basis jedes HVM-Hosts ist ein frisch installiertes Ubuntu 24.04 – manuell aufgesetzt, statische IP konfiguriert, Updates eingespielt, Jumbo Frames für Storage-Netzwerke eingerichtet, Netzwerk-Bonds und VLANs mit netplan vorbereitet. Das macht HPE nicht für euch. Das macht ihr, bevor VME überhaupt startet.
Seit Version 8.1.0 (März 2026) hat sich der Installationsprozess deutlich vereinfacht: HPE hat einen einheitlichen Single-Binary-Installer eingeführt, der Installation, Upgrades und Lifecycle Management in einem Paket zusammenfasst. Davor war der Workflow aufwendiger – separate deb-Pakete für die Hosts, QCOW2-Image für die Manager VM, manuell zu trennen und einzeln zu deployen. Das ist jetzt Geschichte.
Der Grundablauf bleibt aber Linux-Administration:
- Ubuntu 24.04 auf allen Hosts vorbereiten (Netzwerk, Updates, SSH-Zugang mit sudo-User)
- Installer aus dem HPE Software Center herunterladen und auf den Hosts deployen – das installiert KVM, Open vSwitch und alle Abhängigkeiten
- Manager-Appliance starten und über den TUI-Installer konfigurieren
- Hosts im Manager registrieren, Cluster aufbauen, Storage einrichten
Wer Ubuntu Server schon mal aufgesetzt und mit netplan ein Bond-Interface konfiguriert hat, kommt durch. Wer nicht, braucht Unterstützung – und das ist keine Schande, das ist eine realistische Einschätzung.
Was positiv auffällt: Die Dokumentation auf hpevm-docs.morpheusdata.com ist für ein so junges Produkt ordentlich. Sie hat noch Lücken, aber die wesentlichen Schritte sind beschrieben. Und mit jedem Release wird sie besser.
Das Alleinstellungsmerkmal: VMware und HVM parallel
Jetzt zum Grund, warum VME in Enterprise-Gesprächen auftaucht:
Ich kann eine bestehende VMware vCenter-Instanz direkt in HPE VM Essentials als Cloud-Quelle registrieren. Danach erscheinen VMware-Hosts und HVM-Hosts in derselben Management-Oberfläche. Ich kann neue VMs auf HVM provisionieren, während alte VMs auf ESXi weiterlaufen. Ich sehe Monitoring-Daten beider Umgebungen in einem Dashboard. Und wenn ich bereit bin, kann ich VMware-VMs mit dem integrierten Konvertierungswerkzeug auf HVM migrieren – mit Pre-Migration-Checks und Validierung danach.
Was das für die Praxis bedeutet: Ein Migrationsplan, der über Monate gestreckt werden kann. Kritische Workloads bleiben auf ESXi, bis sie getestet und abgenommen sind. Neue Projekte starten direkt auf HVM. Der Cut-Over passiert kontrolliert, nicht als Big Bang.
Wer schon mal eine große VMware-Migration geplant hat, weiß, was das wert ist. Das Worst-Case-Szenario bei einer erzwungenen Migration – alles auf einmal umstellen und hoffen, dass nichts brennt – fällt mit VME weg. Und das allein rechtfertigt für viele Unternehmen den Gesprächseinstieg.
Feature-Rundgang: Was wirklich drin steckt
High Availability und Live Migration
HA und Live Migration sind in VME von Anfang an dabei. Fällt ein Host aus, werden die VMs automatisch auf anderen Hosts im Cluster neu gestartet. Live Migration – laufende VMs ohne Downtime verschieben – funktioniert innerhalb eines HVM-Clusters. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal gegenüber VMware oder Proxmox, aber es ist vollständig und produktionsreif.
Workload Placement
VME verteilt VMs automatisch auf die am besten geeigneten Hosts basierend auf verfügbaren Ressourcen. Was VMware als DRS (Distributed Resource Scheduler) kennt, heißt hier Intelligent Workload Placement. Es ist weniger ausgereift als VMwares DRS nach 20 Jahren Entwicklung, deckt aber den Hauptanwendungsfall ab.
GPU-Passthrough
Seit Version 8.0.5 (April 2025) ist GPU-Passthrough verfügbar – also das direkte Durchreichen einer physischen GPU vom Host in eine VM. VME verwaltet dabei automatisch einen GPU-Pool: Verfügbare GPUs werden erkannt, gepoolt und können VMs bei der Provisionierung zugewiesen werden. Für KI/ML-Workloads oder GPU-beschleunigte Applikationen relevant.
NUMA-aware vCPU Placement
Seit v8.1.0 gibt es NUMA-aware vCPU Placement – VMs werden so auf CPU-Kerne verteilt, dass NUMA-Grenzen respektiert werden. Für latenzempfindliche Workloads auf Systemen mit mehreren CPU-Sockets ein echter Performance-Vorteil, der in früheren Versionen fehlte.
RBAC
Das Berechtigungsmodell kommt von Morpheus Data und ist sehr granular. Rollen, Benutzer, Gruppen, Tenants – wer schon mal mit Morpheus Enterprise gearbeitet hat, kennt das System. Für Enterprise-Umgebungen mit mehreren Teams oder Abteilungen ist das ein deutlicher Vorteil gegenüber den einfacheren Berechtigungsmodellen kleinerer Hypervisoren.
Storage: Von Ceph bis Fibre Channel
VME unterstützt mehrere Storage-Szenarien, und ich finde es wichtig, die Unterschiede klar zu benennen:
Ceph für HCI: Wer VME im Hyperconverged-Modus betreiben will – also Storage und Compute auf denselben Hosts – bekommt Ceph als integrierten distributed Storage. VME installiert und konfiguriert Ceph automatisch beim Cluster-Setup. Mindestvoraussetzung: drei Nodes, je mindestens eine Datenfestplatte. Aktuell kann nur eine Datenfestplatte pro Node konfiguriert werden – das ist ein reales Limit für Setups, die mehrere Disks pro Host für Ceph nutzen wollen. Ein Update mit Multi-Disk-Support ist angekündigt.
Externer Storage für Non-HCI: Wer keinen HCI-Betrieb möchte oder bereits einen dedizierten Storage hat, kann NFS, iSCSI oder Fibre Channel (via GFS2-Filesystem) anbinden. Das deckt die meisten Enterprise-SAN-Setups ab.
HPE Alletra Integration: Seit Version 8.0.6 gibt es das HPE Storage Integration Pack für VM Essentials – eine native Anbindung an HPE Alletra MP-Systeme mit direktem Monitoring von Kapazität, Alerts und Storage-Pools direkt im VME-Dashboard. Wer HPE-Hardware im Einsatz hat, bekommt hier eine durchgängige Verwaltungsoberfläche.
Was VME im Vergleich zu Proxmox nicht hat: ZFS nativ, direkten NVMe-over-Fabrics-Support im UI und Ceph ohne die Einschränkungen des aktuellen Single-Disk-Setups. Das sind Einschränkungen, die für manche Umgebungen relevant sind – für andere nicht.
Backup: Veeam – und was das in der Praxis wirklich bedeutet
VME hat keine eigene Backup-Lösung. Das ist eine bewusste Entscheidung – und eine, die für Enterprise-Kunden oft gar kein Problem ist, weil Veeam ohnehin schon läuft.
Seit März 2026 ist die Veeam Backup & Replication Integration für VME offiziell allgemein verfügbar. Konkret benötigt wird Veeam Data Platform v13.0.1 oder neuer. Was Veeam hier liefert, ist mehr als ein simples Backup:
- Agentloses Image-Level-Backup – kein Agent in der VM nötig, Veeam greift direkt auf den HVM-Hypervisor zu
- Changed Block Tracking (CBT) – inkrementelle Backups laufen schneller, weil nur geänderte Blöcke gesichert werden
- Cross-Hypervisor-Recovery – VMs, die ursprünglich aus VMware-Backups stammen, können direkt auf HVM wiederhergestellt werden. Für laufende Migrationen ein starkes Feature
- Application-aware Processing mit VSS-Integration für Exchange, SQL Server, Active Directory und Oracle
- File-Level-Recovery direkt auf der Gast-VM
Was das bedeutet: Wer Veeam für seine VMware-Umgebung einsetzt, kann nach einer Migration auf VME dieselbe Backup-Infrastruktur weiternutzen – und bekommt mit der Cross-Hypervisor-Recovery sogar einen aktiven Vorteil während des Migrationsprozesses. Das ist ein realer Mehrwert, der bei der Migrationsplanung oft unterschätzt wird.
Commvault und Cohesity unterstützen VME ebenfalls. Wer keines dieser Tools hat und neu anfängt, muss eine externe Backup-Lösung einplanen und finanzieren – das ist ein echter Kostenposten, den man nicht ignorieren sollte.
Netzwerk: OVS, Aruba CX und IPAM
Das Netzwerk-Stack von VME basiert auf Open vSwitch (OVS). VLANs sind nativ konfigurierbar, seit v8.0.11 gibt es nativen VLAN-Support auch für Aruba CX-Switches – inklusive automatischer Switch-Konfiguration, wenn die Aruba CX-Integration aktiv ist.
Wer IPAM-Systeme im Einsatz hat, bekommt native Integrationen: Infoblox, BlueCat, SolarWinds, phpIPAM und EfficientIP werden unterstützt. DNS-Integrationen für PowerDNS, Microsoft DNS, Infoblox, BlueCat und EfficientIP kommen dazu.
Das ist etwas, das Proxmox in dieser Vollständigkeit nicht mitbringt. Für Unternehmen mit einer bestehenden IPAM/DNS-Infrastruktur ist das kein Nice-to-have – das ist eine ernste Integrationsvoraussetzung.
Lizenz: Was ihr wirklich zahlt
Das Lizenzmodell ist bewusst einfach gehalten – als direkte Reaktion auf Broadcoms Per-Core-Chaos:
$600 pro CPU-Socket pro Jahr – inklusive HPE Tech Care Essentials Support.
Keine Core-Minimums, keine Bundle-Zwänge, keine Unterscheidung zwischen kleinen und großen Sockets. Ein Socket mit 8 Kernen kostet dasselbe wie einer mit 64 Kernen. Das ist der Punkt, an dem viele IT-Leiter aufhorchen – weil genau diese Gleichung mit Broadcom nicht mehr funktioniert.
Support ist eingebaut, nicht optional. HPE Tech Care Essentials bedeutet: 15-Minuten-Reaktionszeit rund um die Uhr für Enterprise-Kunden, Zugang zu produktspezifischen Experten, AI-gestütztes Supportsystem und das globale HPE-Partnernetzwerk. Das ist keine Community-Hotline.
Verfügbar als 1-, 3- oder 5-Jahres-E-LTU (Electronic License to Use). Evaluation: 30 Tage kostenlos für bis zu 6 Sockets – kein Verkaufsgespräch nötig, Download direkt aus dem HPE Software Center.
Der Upgrade-Pfad: Wohin VME führen kann
Was ich als strategisch interessant finde: HPE VM Essentials ist nicht die Endstation, es ist der Einstieg.
Innerhalb des HPE-Portfolios gibt es einen klar definierten Upgrade-Pfad:
HPE VM Essentials → HPE Morpheus Enterprise → HPE Private Cloud Business Edition → HPE Private Cloud Enterprise → HPE Private Cloud AI
Alles, was in VME konfiguriert ist – Cluster, VMs, Netzwerke, Storage – kann in Morpheus Enterprise übernommen werden. Morpheus Enterprise fügt Multi-Cloud-Orchestrierung, Kubernetes-Management, Cost Analytics und tiefergehende Automatisierung hinzu. Wer also mit VME als VMware-Ersatz startet und merkt, dass er mehr braucht, muss nicht noch einmal von vorne anfangen.
Das ist ein klug gedachter Portfolio-Ansatz – und gleichzeitig natürlich auch ein Lock-in in Richtung HPE. Den sollte man im Hinterkopf behalten.
Was noch fehlt – ehrlich gesagt
Ich bin keine Marketingbroschüre, also sage ich, was noch nicht rund ist:
OVA/OVF-Import ist noch nicht verfügbar. Wer portable VM-Images zwischen Umgebungen austauschen will, hat gerade keine komfortable Möglichkeit. Das ist für Unternehmen mit Template-Workflows ein echtes Thema.
Container-Support gibt es nicht. VME verwaltet ausschließlich VMs. Wer LXC oder Docker-Workloads direkt auf dem Hypervisor laufen lassen möchte, schaut in die Röhre.
ZFS ist nicht integriert. Wer auf ZFS als lokales Storage-Backend setzt – für Snapshots, RAID-Z, Deduplizierung auf Disk-Ebene – findet das bei VME nicht.
Ceph-Limits: Ein Datenlaufwerk pro Node im HCI-Modus ist für Produktionsumgebungen mit mehr Kapazitätsbedarf ein echter Engpass. Multi-Disk-Support ist angekündigt, aber noch nicht da.
UI-Reife: Das kommt von Morpheus Data und hat manchmal noch den Charakter einer Plattform, die für Cloud-Architekten gebaut wurde, nicht für VMware-Admins. Manche Workflows sind nicht intuitiv, manche Einstellungen findet man erst nach einem zweiten Blick in die Doku. Das ist kein Blocker – aber es ist ehrlich.
Für wen HPE VM Essentials Sinn ergibt
Ich sage es so direkt, wie ich es sehe:
VME ist für euch, wenn: Ihr betreibt heute VMware in einer Umgebung mit mehr als ein paar Dutzend VMs. Euer Broadcom-Vertrag läuft aus, und ihr wisst noch nicht, wo ihr in zwei Jahren steht. Euer CISO möchte ein Produkt mit Enterprise-Support-SLA und HPE-Zertifizierung. Ihr habt keine Zeit für eine Big-Bang-Migration und wollt VMware und HVM parallel betreiben, bis jeder Workload getestet ist.
VME ist nicht für euch, wenn: Ihr fangt neu an und habt keine VMware-Umgebung zu erben. Ihr sucht nach der günstigsten Option. Euer Team ist Linux-affin und scheut keine Kommandozeile. Ihr braucht Container-Support auf dem Hypervisor, ZFS oder vollständige NVMe-over-Fabrics-Integration im UI.
Mein Fazit
HPE VM Essentials hat mich interessiert, weil es eine ehrliche Antwort auf ein echtes Problem ist. Broadcom hat seine Kunden in eine Ecke getrieben. VME ist eine der wenigen Antworten, die sagen: Ihr müsst nicht sofort alles umwerfen.
Die Plattform ist jung – das merkt man. Manche Features, die auf Proxmox seit Jahren selbstverständlich sind, fehlen noch oder haben Einschränkungen. Und auch wenn der Single-Binary-Installer seit v8.1.0 vieles vereinfacht hat – die Ubuntu-Vorbereitungsarbeit vor der eigentlichen Installation bleibt Handarbeit.
Aber: Die Kernidee stimmt. VMware parallel betreiben, kontrolliert migrieren, mit klarem SLA und einem globalen Support-Netzwerk dahinter – das ist ein Angebot, das für Enterprise-IT-Leiter in einer bestimmten Situation genau das Richtige ist. Und mit Veeam-Integration, NUMA-aware Placement und dem Single-Installer-Workflow wächst die Plattform mit jedem Release spürbar.
Wer prüfen will, ob VME zur eigenen Umgebung passt: Die 30-Tage-Evaluation mit sechs Sockets kostet nichts. Das ist die sicherste Art, sich ein eigenes Bild zu machen – ohne Verkaufsgespräch, direkt aus dem HPE Software Center.



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